Sicht der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer bezüglich der Entwicklung des Brexits

Brexit Update

Deutsch-Britische Wirtschaft wünscht sich einen weichen Brexit, erwartet aber einen harten Brexit

[21.12.2016]

Die Mehrheit der deutsch-britischen Wirtschaft (56%) glaubt, dass der Brexit sich mittelfristig negativ auf ihr Unternehmen auswirken wird, laut einer Studie der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer. Nur 11% glauben, dass der Brexit eine positive Auswirkung haben wird. Der Rest gab an, die Auswirkungen würden weder positiv noch negativ sein (12%) oder sie können diese derzeit noch nicht einschätzen (21%). Unter denjenigen, die negative Auswirkungen befürchten, rechnen mehr Firmen mit sehr negativen als mit relativ negativen Folgen (32% bzw. 24%). 

Dr. Ulrich Hoppe, Hauptgeschäftsführer der Kammer, wertet dieses Ergebnis „als Zeichen einer immer noch starken Verunsicherung in der deutsch-britischen Wirtschaft, selbst wenn die negativen Folgen eines Brexits vor dem Referendum im Juni 2016 noch höher eingeschätzt wurden.“

Den Unternehmen wurde weiterhin die Frage gestellt, wie sich ein weicher Brexit oder ein harter Brexit jeweils auf ihre zukünftigen Investitionen im Vereinigten Königreich auswirken würde. Im Falle eines weichen Brexits erwarten sogar 38% einen relativ positiven (26%) bis sehr positiven Effekt (12%) und nur für 14% wäre dieser negativ bis sehr negativ. Für fast die Hälfte der Firmen ergibt sich kaum eine Auswirkung (40%) oder sie können diese noch nicht abschätzen (8%). Das Bild verändert sich aber massiv für den Fall eines harten Brexits, denn dann rechnen mehr als zwei Drittel der Befragten mit einem relativ negativen (31%) bis sehr negativen Effekt (37%). Nur eine Handvoll Firmen (3%) sehen einen harten Brexit als positiv bis sehr positiv für ihre zukünftigen britischen Investitionen an. Für 17% bleibt ein harter Brexit ohne Auswirkungen und nur 12% sind sich über diese noch unsicher. 

Derzeitige Kernpunkte für die anstehenden Brexit-Verhandlungen sind für die bilateral tätigen Unternehmen eine reibungslose Übergangsphase, damit die Volatilität des Pfund-Wechselkurses begrenzt bleibt (wichtig für 80%). 66% sehen die Aufrechterhaltung der Freizügigkeit der Arbeit und 64% den weiteren Zugang zum Binnenmarkt als bedeutend an. Einheitliche Regelungen bei Warenzeichen und Patenten sind für 40% der Firmen wichtig. Sektoral betrachtet ist das sogenannte „Passporting“ für die befragten Finanzdienstleister von herausragender Bedeutung, und für die pharmazeutische Industrie sind weiterhin gemeinsame Rahmenbedingungen für die Medikamentenforschung und -zulassung sowie der Zugang zu europäischen Forschungsgeldern sehr kritische Punkte.

Patricia Godfrey, ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende der Kammer und Partnerin der Rechtsanwaltskanzlei Nabarro LLP, betont, „dass das deutsch-britische Verhältnis von zentraler Bedeutung für den Ausgang der Brexit-Verhandlungen ist. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die deutsch-britische Wirtschaft sich einen weichen Brexit und eine stabile Übergangsphase wünscht. Ein harter Brexit wäre ein schwerer Schlag für die Unternehmen, denn für 68% würde dieser sich negativ auswirken. Wir hoffen, dass die Politiker auf beiden Seiten diese Ergebnisse berücksichtigen werden.“


Die Deutsch-Britische Industrie- und Handelskammer  führte 195 webbasierte Interviews mit ihren Mitgliedern und deutschen Tochtergesellschaften im Vereinigten Königreich. Die Studie wurde vom 30. November bis 7. Dezember 2016 durchgeführt.  

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Deutscher Industrie- und Handelskammertag: Brexit-News

Aktuelle Infos rund um das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU veröffentlicht der DIHK monatlich in seinen "Brexit-News".

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Der Brexit – steuerrechtliche und haushaltspolitische Implikationen – August 2016

Die konkreten Auswirkungen eines Ausscheidens Großbritanniens aus der Europäischen Union hängen vom Status ab, den die EU dem Land anbietet. Von dem Status eines Drittlandes (als am weitesten von der Union entfernt) aus betrachtet, sind die Stationen „Zollunionsmitglied bzw. Vertragspartner eines Freihandelsabkommens“ und „Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum“ (EWR) näher an der EUVollmitgliedschaft.

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Steuerliche Auswirkungen des “Brexit”

21. Juli 2016

Die Folgen eines Ausstiegs Großbritanniens aus der Europäischen Union werden weitläufig diskutiert. Aber welche Auswirkungen hat der „Brexit“ auf das britische Steuersystem? Vieles hängt von den bevorstehenden Verhandlungen mit der EU ab und davon, welche Änderungen der britischen Rechtsordnung überhaupt beschlossen werden. Unterstellt man auch der neuen britischen Regierung ein großes Interesse an einem unternehmerfreundlichen Wirtschaftsumfeld, so ist anzunehmen, dass Änderungen moderat ausfallen. Festzuhalten ist, dass bisher von der britischen Regierung kein Antrag nach Art. 50 EUV gestellt worden ist, die Austrittsverhandlungen wurden daher noch nicht eingeleitet. Alle bisher geltenden europäischen und nationalen Regelungen sind weiterhin in Großbritannien gültig. 

Die Mehrwertsteuer ist für den britischen Staatshaushalt eine der wichtigsten Steuerarten. Ihr Anteil am Gesamtsteueraufkommen lag im Haushaltsjahr 2014/2015 bei 22%, daher ist anzunehmen, dass das aktuelle Mehrwertsteuersystem in ähnlicher Form bestehen bleibt, zumal die Umsatzsteuer als indirekte Steuer verhältnismäßig leicht zu verwalten ist. Nach dem „Brexit“ ist Großbritannien allerdings nicht mehr an die Mehrwertsteuersystemrichtlinie der EU gebunden und könnte einzelne Regelungen, insbesondere Steuersätze, flexibler gestalten. Theoretisch denkbar ist die Einführung weiterer Umsatzsteuerbefreiungen auf bestimmte Waren und Dienstleistungen, um spezielle Industriezweige zu begünstigen. Ein Hauptmerkmal des europäischen Mehrwertsteuersystems ist der freie Warenverkehr mit moderaten Meldepflichten. Im Verhältnis zur EU wäre Großbritannien nach dem Austritt Drittland und könnte –  genauso wie umgekehrt die EU-Staaten – möglicherweise Einfuhrumsatzsteuer und Zölle erheben. Ob es dazu kommen wird, hängt vom Ergebnis der Austrittsverhandlungen ab und bleibt deshalb abzuwarten. Sicher ist, dass weder das Vereinigte Königreich noch die EU ein Interesse an Zollschranken haben.

Direkte Steuern, wie beispielsweise die Körperschaftssteuer, sind weniger stark durch EU-Recht geprägt. Soweit die Grundfreiheiten das britische Steuerrecht unmittelbar geprägt haben, etwa bei der konzerninternen Verlustverrechnung oder der Festsetzung von Verrechnungspreisen, könnte zukünftig von europäischen Vorgaben abgewichen werden. Solange aber der Austritt aus der EU nicht umgesetzt ist, bleibt Großbritannien an die Grundfreiheiten der EU (freier Waren-, Personen-, Dienstleistungs-  und Kapitalverkehr) gebunden.

Betroffen sind schließlich spezifische europäische Richtlinien zur Vermeidung von steuerlichen Wettbewerbsverzerrungen, deren Schutz mit Ende der EU-Mitgliedschaft entfiele. Hierzu zählen die Mutter-Tochter-Richtlinie und auch die Zins- und Lizenzgebühren-Richtlinie, die durch den Verzicht von Quellensteuern Entlastungen für Unternehmen auf beiden Seiten des Kanals schaffen. Gleiches gilt für die Gesellschaftsteuerrichtlinie und die Fusionsrichtlinie. Der Austritt Großbritanniens aus der EU und abweichende nationale Regelungen könnten zur Doppelbesteuerung von Unternehmen führen. Nicht zuletzt entfällt durch ein Ende der EU-Mitgliedschaft die Bindung an das europäische Beihilfeverbot. So wird es für Großbritannien leichter, steuerliche Anreize ohne Aufsicht der EU-Kommission zu setzen. 

Für weitere Informationen:
Dr. Gunnar Pohl, Leiter Servicebereich Steuern
Deutsch Britische Industrie- und Handelskammer
Tel: +44 - 20 7976 4168
E-Mail Dr Pohl 

Vier Wochen nach dem Referendum – Wo stehen wir? Wo geht die Reise hin?

21. Juli 2016 - London

Theresa May als britische Premierministerin bedeutet die schrittweise Rückkehr zur politischen Stabilität in dieser immer noch unsicheren Zeit. Dass sie führende Brexit-Vertreter an prominenter Stelle in ihr Kabinett aufgenommen hat, mag bei manchen auf Verwunderung gestoßen sein. Im Endeffekt  war dies aber ein kluger Schachzug, denn mit diesen Besetzungen hat sie die Verantwortung dorthin übertragen, wo sie hingehört und sich selber damit politischen Spielraum geschaffen.

Das Ergebnis des Referendums wird nun von der neuen Regierung umgesetzt und deshalb wird das britische Verhältnis zur Europäischen Union neu definiert werden. Was sicher ist, ist dass sich der bürokratische Aufwand für Unternehmen nach dem Ende der Austrittsverhandlungen in einigen Jahren deutlich erhöhen wird. Als Deutsch-Britische Industrie-und Handelskammer werden wir unseren Mitgliedern zur Seite stehen, diesen Mehraufwand so effizient wie möglich abzuwickeln. Derzeit ist es noch zu früh, verlässliche Vorhersagen über das Ausmaß und die Art der zusätzlichen administrativen Anforderungen zu machen (Passporting für den Finanzdienstleistungssektor, Ursprungsregelungen in global operierenden Wertschöpfungsketten, Produktsicherheit, gegenseitige Anerkennung von beruflichen Qualifikationen sind nur einige Felder, in denen Änderungen zu erwarten sind).

Über den Sommer können nun vernünftige und pragmatische Ansätze zur Neudefinition des britischen Verhältnisses zu Europa entwickelt werden, denn es liegt im Interesse Großbritanniens und auch der EU, dass der Binnenmarkt zusammengehalten und seine Größe nicht schrumpfen wird.

Was sind die Optionen? Ein harter Brexit zu WTO-Regelungen oder ein „Soft-Brexit“ mit weiterem Zugang zum Binnenmarkt?

Wir hoffen, dass es zu einem „Soft-Brexit“ kommt, welcher den ungehinderten Zugang für britische Firmen zum Binnenmarkt und für europäische Firmen zum britischen Markt aufrecht erhält. Ist ein solches Verhandlungsergebnis am Ende möglich? Wir glauben ja, wenn alle Seiten konstruktiv miteinander verhandeln. Aber damit es zu diesem Ergebnis kommt, muss Großbritannien weiterhin ein gewisses Maß an Arbeitnehmerfreizügigkeit zukünftig zulassen und im Gegenzug muss der Rest von Europa akzeptieren, dass diese, zumindest für einen bestimmten Zeitraum, in Bezug auf Großbritannien gewissen Beschränkungen unterliegen wird. In diesem Zusammenhang sollte nicht vergessen werden, dass das Vereinigte Königreich nach der ersten EU-Osterweiterung diese Freizügigkeit gleich eingeführt hat, die überwiegende Mehrheit der EU-Mitglieder diese aber für sieben Jahre massiv beschränkt hat. Im Angesicht der derzeit hohen Zahl von Einwanderern, kann argumentiert werden, dass den Briten jetzt im Gegenzug gewisse zeitweise Beschränkungen zustehen. Ob dieses ein gangbarer Weg sein wird, werden die Verhandlungen zeigen, was aber klar sein sollte, ist, dass auf beiden Seiten ein echtes Nachgeben erforderlich ist. Zum Nutzen aller europäischen Länder hoffen wir, dass in diesem für die britische Öffentlichkeit kritischen Bereich eine praktikable Lösung gefunden werden kann. 

Was außer Frage steht, ist, dass Großbritannien weiterhin ein offenes Land für Talente bleiben muss, sofern es weiter wirtschaftlich erfolgreich sein möchte. Anderenfalls werden Firmen verstärkt gezwungen sein, an andere offenere Standorte zu ziehen. Die EU muss deshalb ebenfalls ihre strukturellen Probleme angehen, um zu vermeiden, dass manche Firmen Europa nicht ganz in Richtung USA verlassen, da der nordamerikanische Markt gerade in den Zukunftsindustrien häufig als vielversprechender angesehen wird. Es kann nicht in unserem gemeinsamen Interesse liegen, die europäische Wirtschaft durch die Verkleinerung des Binnenmarktes unnötig zu schwächen.

Die Botschaft, offen für Firmen und Talente zu bleiben, muss von der neuen politischen Führung Großbritanniens sofort aufgenommen und der Wählerschaft aktiv vermittelt werden. Dies ist keine einfache Aufgabe und erfordert echte Führungsqualitäten und wie wir aus der internationalen Geschäftswelt alle wissen, ist echte Führung nie einfach, mit anderen Worten, der Weg voran wird holprig, aber wir sind zuversichtlich, dass am Ende der gesunde Menschenverstand und von allen Seiten anzuwendendes Augenmaß die Oberhand gewinnt.

Ersteinschätzung der Unternehmen in Deutschland zum Brexit

Juli 2016 - Berlin

Eine Befragung zu den Auswirkungen des Brexit-Votums wurde von den Industrie und Handelskammern (IHKs) vom 27. bis zum 29. Juni 2016 durchgeführt.

Insgesamt 5.672 Unternehmen aus dem gesamten Bundesgebiet haben an der Umfrage teilgenommen. 

Die Ergebnnisse finden Sie hier

Destination unknown – Großbritannien geht auf eine ungewisse Reise

24. Juni 2016 - London

Das Ergebnis des EU-Referendums, welches die Austrittsbefürworter mit 52 % der Stimmen gewonnen haben, wird von weiten Teilen der Wirtschaft mit Schrecken aufgenommen, denn es ist derzeit unklar, wie sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zwischen Großbritannien und der EU zukünftig entwickeln werden. Auch steht das Land intern vor politischen Herausforderungen, da das Verhältnis zwischen Nordirland und der Republik Irland sich problematischer gestalten wird. Des Weiteren wird der schottische Nationalismus wieder Auftrieb erhalten, da Schottland mehrheitlich für einen Verbleib in der EU gestimmt hat.

Der britische Premierminister hat bereits seinen Rücktritt für Oktober diesen Jahres  angekündigt und erst sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin wird mit den offiziellen Austrittsverhandlungen betraut werden. Ob er tatsächlich so lange im Amt bleiben wird, bleibt abzuwarten. Mit diesem Schritt gibt er aber dem Land etwas Zeit zur Reflektion und der zerstrittenen konservativen Partei auch die Chance, eine konstruktive Strategie zur Neu-Definition des britischen Verhältnisses zu Europa zu entwickeln.

Jetzt heißt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Bereitschaft zu zeigen, aufeinander zuzugehen, um die  wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen auf das Vereinigte Königreich und die EU unter Kontrolle zu halten – denn, mit oder ohne britischer Mitgliedschaft in der EU, sitzen alle Europäer bei den allermeisten wirtschaftlichen und politischen Themen auch weiterhin im selben Boot. Das sehen auch große Teile der Führung der Brexit-Kampagne so und das lässt hoffen, dass mittelfristig eine praktikable Lösung gefunden werden kann, die das Vereinigte Königreich weiter wirtschaftlich und politisch eng an Europa bindet.

Laut Dr Ulrich Hoppe, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer, ändert sich für Unternehmen, welche nach Großbritannien exportieren, kurzfristig nichts an den Rahmenbedingungen, denn solange die Austrittsverhandlungen nicht abgeschlossen sind, bleibt das Inselreich weiter Teil der Europäischen Union. 

Die nächsten Tage wird die Volatilität in den Märkten hoch sein und bis sich diese wieder stabilisieren werden, wird einige Zeit vergehen. Die Bank of England ist aber vorbereitet, zügig die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, damit die Volatilität nicht aus dem Ruder läuft.

Weitere Informationen

Dr Ulrich Hoppe

Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer